Füße

Die Füße heutiger Langstreckenläufer haben es nicht leicht. Für Höchstleistungen konstruiert und über viele Jahrtausende perfektioniert, lassen wir sie erstmal verkümmern, um ihnen dann plötzlich wieder Höchstleistungen zuzumuten - und das oft unter erschwerten Bedingungen.

Schuhe sind prinzipiell eine gute Sache, zumal wenn man mit Frostgraden, Dornen oder Glasscherben auf seinem Weg rechnen muss. Allerdings kommt man schnell an den Punkt, wo man mit Kanonen auf Spatzen schießt und die Füße aus nichtigen Gründen geradezu einsperrt. Ohne Notwendigkeit, zwängen wir sie in harte Lederfutterale, die sehr wirkungsvoll verhindern, dass sie so funktionieren, wie es ihrer Konstruktion entspricht.

Wir müssen nicht ständig harten Frost aushalten oder über scharfkantiges Geröll laufen. Deshalb sollten wir den Füßen ein wenig Freiheit lassen. Ein Fuß ist aus 26 Knochen aufgebaut, die untereinander über zahlreiche Gelenke und Sehnen, Bänder und Muskeln verbunden sind. Sollte dies alles beim Gehen und Laufen möglichst bewegungslos bleiben, hätte es sich vor Jahrtausenden schon zu einer Art verknöchertem Huf entwickelt. Da es seine vielfältigen Funktionsweisen jedoch nur als in sich bewegliches Ganzes entfalten kann, müssen wir ihm genügend Spielraum zugestehen.

In vielen Fällen wäre es heute kein Problem einfach barfuß zu gehen. Wir bewegen uns die meiste Zeit in geschützter Umgebung: warm genug, glatter Bodenbelag, keine Scherben. Leider ist es jedoch nicht üblich. Wer bei seiner Arbeit barfuß geht und nicht Bademeister ist, wird leicht als Sonderling betrachtet und zurechtgewiesen. Einfacher ist es folglich, flexible und elastische Schuhe mit flachem Absatz zu tragen. Wer ernsthaft sucht, findet sogar erträgliche Modelle, die sich ohne Probleme mit der Uniform des gehobenen Angestellten (neudeutsch: business suit) tragen lassen.

In der Regel konfrontiert nun der angehende Langstreckler, soweit er nicht schon ab Kindesbeinen aktiv ist, seine völlig unvorbereiteten Füße mit der Aufgabe, stundenlang monoton auf glatter, ebener und recht unnachgiebiger Oberfläche zu laufen. Da wir meist gewohnt sind, mit erhöhten Absätzen zu gehen, bringen wir uns leicht in die Position, dabei hart mit der Ferse aufzutreten. Der in den letzten 30 Jahren vielfach beschrittene Weg, dem abzuhelfen besteht darin, den Absatz zum Stoßdämpfer zu machen. Das funktioniert prinzipiell schon, bringt aber leicht neue Probleme mit sich.

Mein erster stark gedämpfter Schuh, in den 80er Jahren, war offenbar nur für glatten Asphalt gedacht. Schon bei leicht unebenen Waldwegen – meinem üblichen Laufterrain – wurde es wackelig. Die etwas rauheren Wege konnte ich plötzlich kaum mehr bewältigen. Kurz, der Schuh war ein völliger Fehlkauf. Die frühen Laufschuhe mit hohen, weichen Schaumstoffsohlen zur „Stoßdämpfung“ fühlten sich zunächst sehr komfortabel an, boten aber zu wenig Seitenstabilität. Wer ohnehin dazu neigte, beim Fußaufsatz nach innen wegzuknicken hatte ein Problem. So wurde die Läuferschar mit der "Antipronationsstütze" beglückt.

Später hat man entdeckt, dass die ganze wunderbare Dämpfungsherrlichkeit, die Menschheit nicht wirklich vor Sportverletzungen an Fuß und Bein schützt, sondern neben Vorteilen auch Nachteile mit sich bringt. Nun wurde das Ruder herumgerissen und Barfußlaufen propagiert oder doch zumindest "Beinahe-Barfußlaufen". Eine langwierige Umstellung mit sorgfältig dosiertem Training der Füße und Beine wäre notwendig gewesen. Da dies den meisten zu lange dauert und bei „Trends“ zügig Ergebnisse her müssen, man zudem nicht auf die gewohnten Laufumfänge verzichten will, ist es nur normal, dass auch hieraus neue Probleme erwachsen.

Betrachtet man die neueren Laufschuhmodelle des Jahres 2017, stellt man schnell fest, dass das Pendel wieder in die andere Richtung ausschlägt: komfortable Dämpfung wohin man auch blickt. Immerhin hat man aus früheren Fehlern gelernt, die meisten Schuhe haben eine mäßige "Sprengung" (Höhenunterschied der Sohle zwischen Ferse und Vorderfuß). Neue Materialien bieten viel Komfort. Ob der Läufer tatsächlich davon profitiert, dass die elastischen Sohlen die beim Auftreten geschluckte Bewegungsenergie beim "Ausfedern" wieder von sich geben? Man wird ja sehen (bzw. messen, mit der Uhr nämlich).

Sehr lange Strecken über rauhere Oberflächen barfuß zu laufen, ist nicht jedem gegeben - auch nach langem Training nicht. Ich persönlich finde Barfußlaufen zu einschränkend hinsichtlich Strecke und Untergrund, um es öfter als gelegentlich einmal zu praktizieren. Ich finde es auch nicht angenehm, auf spitze Steine und Rollsplitt zu treten und benutze daher zum Training meiner Füße minimalistische „Zehenschuhe“, „besohlte Socken“ oder Sandälchen. Bei Laufschuhen bevorzuge ich geräumige Modelle mit viel Platz für die Zehen und mit ordentlicher Dämpfung – zumindest für Strecken über zehn Kilometer Länge.

Glücklicherweise hat sich mitttlerweise eine breite Palette unterschiedlicher Laufschuhe entwickelt, vom stark gedämpften und superstabilen Schuh bis hin zu völlig flexiblen leichten Schläppchen, von Straßen-Wettkampfschuhen bis zu grobstolligen Klumpen fürs Gelände. Letztendlich muß jeder selbst herausfinden, was ihm gut tut. Klar scheint: was sich beim ersten Hineinschlüpfen nicht gut anfühlt, wird es auch nach etlichen Kilometern nicht. Moderne Laufschuhe aus Kunststoff passen sich kaum den Füßen an, lediglich die Innenausstattung setzt sich ein wenig. Harte Fersenkappen etwa sind wesentlich unnachgiebiger als die ihnen anvertrauten Fersen.

Es gäbe noch viel zu sagen über die Füße des Langstreckenläufers. Etwa über die – mal mehr mal weniger – vollständige Ausstattung mit Zehennägeln sowie deren Farbe. Oder aber zu Blasenvermeidungsstrategien und deren gelegentlichem Scheitern. Ich möchte es dennoch hiermit zunächst einmal gut sein lassen.

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Gestaltung & Inhalt: Wolfgang Metzger, Heidelberg
-  Zuletzt aktualisiert am 1. Mai 2017  -